Die Sprache des Geschmacks
„Über Geschmack kann man nicht streiten!" Mit diesem Satz wird in der Regel das Ende eines Gespräches signalisiert. Warum haben wir nicht gelernt, über Geschmacksfragen zu streiten, uns sprachlich auseinanderzusetzen? Geschmack als zentrales Kulturgut - aber ohne Verankerung in unserem Bildungssystem? Kann das gut gehen? Mit diesen Kernfragen zog Klaus v. Welser die Zuhörer des wieder sehr gut besuchten congena Zwischenraum in seinen Bann.
Sicherer Geschmack ist keine Selbstverständlichkeit. Die Sprache des Geschmacks hat einen Wortschatz, eine Art Grammatik und eine Geschichte. Sie ist nicht angeboren, sondern wird erlernt wie jede Sprache und muss gebildet werden. Sonst kann sie auch Missverständnisse und Geschmackloses produzieren. Davon betroffen ist neben Essen, Kleidung, Design, Architektur, Kunst sogar unser Benehmen. Geschmacksbildung wird als kultureller Identifikationsfaktor ersten Ranges und Teil unserer sozialen Kompetenz interpretiert. Unser Geschmack wird beurteilt, und wir beurteilen. Unterschiede im Geschmacksempfinden rufen Befremden hervor und führen zu Distanz. Umgekehrt kann Verwandtschaft im Geschmack Zutrauen wecken.
Warum finden wir Geschmacksfragen reduziert auf branchenspezifische Ästhetik oder private Vorlieben? Woher die nostalgische Rückkehr der Etikette, während gleichzeitig der Etikettenschwindel blüht? Müssen wir wirklich verdorbenes Fleisch einfärben, weil wir es nicht mehr schmecken können? Sollen wir immer öfter den Arzt oder Apotheker fragen? Wir müssen also unsere natürlichen Sinneswerkzeuge kulturell nachjustieren, und nur - so die These - wer sie selbst einzustellen gelernt hat, kann die Einstellung anderer Menschen beurteilen und
tatsächlich nutzen.
Es geht also nicht darum, einen bestimmten Geschmack zu erlernen, sondern wieder lernen zu schmecken, Andersartigkeiten zu verstehen und uns darüber austauschen, streiten zu lernen! Sapere aude. - Wage es, weise zu sein - wage es zu schmecken!
Horaz Klaus v. Welser promovierte in Berlin im Fach Comparatistik (= Allgemeine vergleichende Literaturwissenschaft). Er schreibt Aphorismen, philosophischeEssays und hat eine Aphorismen- Anthologie im Piper-Verlag herausgegeben. Jetzt ist Klaus v. Welser Geschäftsführer der privaten Akademie für Geschmackssicherheit GmbH, die Seminare zu Themen wie Geschmacksprofil, aber auch über Geschmacklosigkeit anbietet.